Sondernutzung öffentliches Straßenland auf den Prüfstand!


Simon Krach

Wir befürworten die Einführung einer Allgemeinverfügung für einheitliche Schließzeiten von Schankvorgärten. Wir sehen allerdings auch, dass diese Maßnahme nur zur Behandlung der Symptome geeignet ist. Zur Ursachenbekämpfung muss die derzeitige Genehmigungspraxis auf den Prüfstand. Sie führt zu einer massiven Konzentration von Gaststätten und Spätverkaufsläden mit negativen Auswirkungen für Anwohner. Die Unzufriedenheit darüber machte die letzte Erhebung der ASUM zum Erhaltungsgebiet Boxhagener Platz wieder deutlich.

Flyer Sondernutzung Juristisch betrachtet geht es um das Straßenverkehrsrecht, betroffen sind Verkehrsteilnehmer, in diesem Fall Fußgänger. Geregelt wird es über §11 des Berliner Straßengesetz (BerlStrG).

Über die Kriterien, die räumlich erfüllt sein müssen, gibt der Bezirk einen Informationsflyer heraus.

Beantragt werden kann das Herausstellen von Waren, Stehtischen, Tischen und Stühlen (Extraformular). Die Genehmigung wird maximal für die Dauer von drei Jahren ausgestellt. Die Gebühren für die Nutzung variieren dementsprechend.

Das Straßenverkehrsrecht bietet jedoch keine Handhabe um andere Nutzungskonflikte zu lösen. Relevant sind insbesondere Immissionsschutzrechte und zunehmend auch Wettbewerbsrechte.

Immissionsschutz

Im August ergab eine Messung vom Umweltamt in der Simon-Dach-Straße einen Mittelungspegel von 66,4 db (A) in der Zeit zwischen 22:00 und 23:00 Uhr. Für diesen Wert werden Geräuschspitzen (Hundegebell u.ä.) herausgenommen. Der Pegel lag sogar über den zulässigen Tagesgrenzwerten:

  • Allgemeine Wohngebiete (tags: 55 dB, nachts: 40 dB)
  • Mischgebiete (tags: 60 dB, nachts: 45 dB)
  • Urbane Gebiete (tags: 63 dB, nachts: 45 dB)

Über Lärmpegelprognoseberechnungen muss daher festgestellt werden, ob und wenn ja, in welcher Größe Schankterrassen in Straßen mit starker Gaststättenkonzentration genehmigt werden können, damit nächtlicher Lärm nicht zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt.

Die Genehmigung einer Fläche kann zu einer sehr unterschiedlichen Anzahl von Gästen führen. So finden z.B. auf einer Fläche von 10 m² mit vier Biergarnituren bis zu 40 Personen Platz, während bei einer lockeren Bestuhlung mit fünf Vierertischen lediglich 20 Gäste bewirtet werden können. Auch bei der Lärmpegelprognoseberechnung wird eine bestimmten Anzahl von Personen ermittelt. Daher sollte die alte Praxis wieder eingeführt werden, neben der Fläche, eine maximale Sitzplatzanzahl festzusetzen.

Gastrodichte 20_08_2016
Gaststättendichte, Stand August 2016

Stichprobenartig sollten während der Saison in bekannten „hotspots“ Lärmpegelmessungen durchgeführt werden. Die ermittelten Lärmpegel bilden zwar nur eine Momentaufnahme ab, geben aber dennoch eine Vorstellung von der tatsächlichen Lärmbelastung.

Kurzfristiges Ziel muss sein, zumindest den Wert von 55 db (A) nicht zu überschreiten! In den Night Noise Guidelines bezeichnet die WHO ihn als Interimswert und erläutert: „Er muss als Minimalziel unbedingt erreicht werden, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.“

 

Versteckte Subventionen

Die Berliner Gebührenordnung führt zu Wettbewerbsvorteilen von Gaststätten. Je nach Wertstufe der Straßen werden lediglich 12,50 € bis 16,25 € pro Quadratmeter jährlich erhoben. Dazu kommen einmalige Verwaltungsgebühren, die je nach Dauer des Genehmigungszeitraumes und der Größe variieren.

Ein 15m² großer Schankvorgarten, für drei Jahre beantragt, verursacht in der höchsten Wertstufe jährliche Kosten in Höhe von 310,42 €. Dies entspricht 25,87 € monatlich und steht in keinerlei Verhältnis zum Umsatz, der in Straßen wie im Simon-Dach-Kiez erzielt werden kann.

Kein anderes Gewerbe kann für rund ein halbes Jahr vergleichbare Gewinne mit solch „zusätzlichen Betriebsflächen“ erzielen. Dies führt zu Wettbewerbsverzerrungen. Die Betreiber sind in der Lage höhere Gewerbemieten aufzubringen. Ladenlokale werden beworben mit Anzeigen wie diesen: „Dieses modernisierte Objekt befindet sich im Erdgeschoss und besitzt eine Fläche von 67 m² mit ca. 20 Innen- sowie 30 Außenplätzen.“

Unterm Strich profitiert die Immobilienbranche von dem öffentlichen Straßenland. Der Gewinn kommt nicht der Allgemeinheit zu gute, sondern wird privatisiert. Diese Gebührenordnung trägt dazu bei, die Preisspirale für Gewerberäume weiter nach oben zu schrauben. Verdrängung von anwohnerorientiertem Handel, Gewerbe, Handwerk und sozialen Einrichtungen sind die Folge. Vielfältige Kiezstrukturen werden zerstört.

Eine Reform der Gebührenordnung für Bürgersteige ist zwingend erforderlich.

Willkür beim Ordnungsamt in Friedrichshain-Kreuzberg?


Mainzer Straße im Fokus von Bezirkspolitikern und Medien

Warum eigentlich die Aufregung? Während der Bezirk in der Simon-Dach-Straße nichts gegen regelmäßig gesundheitsschädigende Lärmwerte unternimmt und Beschwerden seit nunmehr 20 Jahren ignoriert, müssen in der Mainzer Straße selbst Bücher, Obst und Gemüse vom Gehsteig! Grund ist die Mindestdurchgangsbreite. Sie beträgt seit 2012 auf Bürgersteigen in Friedrichshain-Kreuzberg 1,50 Meter. In der Mainzer Str. hat das Ordnungsamt gerade nachgemessen, die Kriterien zur Sondernutzungsgenehmigung sind nicht erfüllt. Bei der BVV-Sitzung am 14.06. kündigte Stadtrat Andy Hehmke an, die Auslegung der Prüfkriterien noch mal genau zu prüfen, weil sich die Anwohnerinitiative „Kiezcharakter“ für den Erhalt des Kiezgewerbes und gegen die strikte Anwendung der Bestimmungen einsetzt. Nutzungskonflikte scheint es nicht zu geben.

Prüfkriterien Sondernutzung als Steuerungsinstrument neu denken!

Nutzungskonflikte gibt es aber in anderen nahe gelegenen Straßen mit hoher Gastrodichte, wie rund um den Boxhagener Platz und der Simon-Dach-Straße. Dort fordern Anwohner schon länger eine Anpassung der Durchgangsbreite in Folge des hohen Passantenaufkommens. Doch hier hat das Ordnungsamt von seinem Ermessungsspielraum bisher keinen Gebrauch gemacht.

Stehen bei den wenigen Lokalen der Mainzer Straße winzige 2-er Tischchen auf dem Gehweg, belegen in der Simon-Dach-Straße bis zu drei Reihen Biergartengarnituren den öffentlichen Raum. Auf einer Straßenlänge von nur 190 m reihen sich hier 35 Schankvorgärten aneinander. Sie sorgen auch weit nach 22 Uhr für Lärmwerte, die selbst in Industriegebieten tagsüber nicht zulässig wären. Das Bezirksamt schaut hier dem lauten Treiben achselzuckend zu. Welcome in Absurdistan!

Mögliches Gewerbe in Wohngebieten für Kiezbewohner!?

Die Nachbarschaft der Mainzer Straße unterstützt die ansässigen Läden und Lokale weil ihnen eine lebendige Kiezstruktur wichtig ist. Sie haben Angst, dass ihre Kiez-Institutionen aufgeben müssen. Im Simon-Dach-Kiez ist das bereits vielen passiert wie z.B. der Eckkneipe „Die Hexe“, der Polsterei Jünemann, dem AWO Kiez Café, dem Kopierladen und dem Lebensmittelgeschäft „Proviant“. Der Grund für die Schließungen waren jedoch dort keine zu strengen Maßnahmen des Ordnungsamts, sondern ins Unermessliche schießende Gewerbemieten.

Die können sich nur noch Gastronomen leisten, die sich auf touristische Nachfrage konzentriert haben. Um die teuren Mieten bezahlen zu können, erweitern sie ihre Betriebsflächen. Sie „pachten“ öffentliches Straßenland zu günstigen Tarifen, verengen die Bürgersteige und ihre lärmenden Gäste rauben den Anwohnern den Schlaf. Diese Konzentration, die nur auf Touristen abzielt, macht den Kiezcharakter kaputt. Ein Blick in die Erhebung zum Erhaltungsgebiet „Boxhagener Platz“ der ASUM* würde genügen, um diesen Eindruck bestätigen. Die Verteilung von Plus- und Minuszeichen vor den Schlagworten „Touristen“, „Lärm“, „Gastronomie“ spricht für sich.

Wirtschaftsorientierte Stadtentwicklung befördert Touristifizierung

Neuköllner Anwohner verweisen zu Recht darauf, dass sie eine „Ver-Simon-Dach-isierung“ in ihren Viertel unbedingt verhindern wollen. Touristifizierung macht das Viertel kaputt und Kiezbewohner müssen starke Nerven haben oder wegziehen. Beschwerden werden ignoriert. Das Bezirksamt spielt ein ermüdendes Verantwortungs-Ping-Pong zwischen Ordnungsamt, Polizei und Umweltamt. Es werden Projekte finanziert, die zwar fair.kiez oder lokal.leben heißen und die Anwohner beschäftigen, ihnen aber kein Mitspracherecht zubilligen und zu keiner Verbesserung in ihrem Wohnumfeld beitragen.

Wir fordern das Bezirksamt auf, der Kommerzialisierung des öffentlichen Raums entgegenzuwirken, den Schutz der Nachtruhe in allen Straßen gleich zu gewichten. Den „Ermessensspielraum“ im Sinne einer gesunden Kiezstruktur auszuüben! Instrumente für Wohngebiete zu entwickeln, die in erster Linie den Bedürfnissen der Einwohner gerecht werden!

*aktuelle Erhebung zum Sozialen Erhaltungsgebiet Boxhagener Platz der ASUM (Angewandte Sozialforschung und urbanes Management GmbH), Oktober 2015, Seite 73-74, Anlage 2: Meinungsbilder und Kommentare, Link zur PDF

Tag gegen Lärm


Passend zum „International Noise Awareness Day“ hat die BZ eine Tabelle der Interhyp-Befragung zu den nervigsten Lärmquellen im Städtevergleich veröffentlicht. Überraschend für Berlin, DER „PARTYHAUPTSTADT“, dabei ist, dass mit 30% Partylärm noch vor Strassenlärm (27%) rangiert. In den  Städten Hamburg, München, Köln, Stuttgart, Frankfurt und Leipzig finden die Einwohner den Partylärm weit weniger störend als die Berliner. Platz 2, nur die Hälfte (15 %), belegen die Leipziger, es folgt Hamburg mit 14 %. Und in keiner anderen Stadt wird Partylärm an erster Stelle genannt.

Lärmstudie 2017 Bundesweit

Dieses sensationelle Ergebnis sollte Anlass genug sein für eine breite öffentliche Diskussion, wird aber in der Berichterstattung der etablierten Tageszeitungen nicht eingehend thematisiert. Berlins Wirtschaftsstrategen und Lobbyisten, von Visit.Berlin, über DEHOGA, Clubcommission bis zur Wirtschaftssenatorin Ramona Pop würden dies auch nicht so gerne lesen wollen.

Insofern aber doch eine gute Nachricht für alle Anwohner in den sog. Szenebezirken, wo sich Café, Bar, Restaurant, Imbiss und Späti aneinander reihen, die sich gegen Lärm, Müll und Touristifizierung in ihrem Kiez engagieren. Denn keinen Falls sind sie eine verschwindend geringe Minderheit, die allzu oft als Spaßverderber und Spießer tituliert werden. Gerne auch von zuständigen Bezirkspolitikern, die die verwaltungsrechtlichen Mittel an der Hand hätten um eine Konzentration von „nachtökonomischen Angeboten“ wie z.B. in der Simon-Dach-Str. erst gar nicht zu ermöglichen.

Der Reuterkiez in Neukölln möchte die „Ver-Simon-Dachisierung“ verhindern und prägt damit einen neuen Begriff in der Debatte. Der Senat, allen voran Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) muss erkennen, dass sich Akzeptanzerhaltungsprojekte zum Tourismus längst überholt haben. Vielmehr ist eine Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung notwendig, einseitig auf das Zugpferd Tourismus zu setzen, ist nicht nachhaltig.  Berlins Marketingstrategen von Visit.Berlin, DEHOGA und Clubcommission stehen vor der Aufgabe den Ruf der „Partyhauptstadt“ wieder los zu werden. Die Bezirksverwaltungen davor, ihre Verpflichtung zur Daseinsvorsorge ernst zu nehmen.

Warum die Aufregung wegen 3 Dezibel?


doppelte Lautstärke

Das mag sich mancher fragen. Hört sich nicht nach viel an. Weil aber die Wahrnehmung von Lärm nach der Dezibel-Skala exponentiell ansteigt, bedeutet ein nur um 3 dB erhöhter Leistungspegel für das menschliche Gehör eine Vervielfachung der wahrgenommenen Lautstärke auf 10 dB, wie das Diagramm zeigt. Der messbare Schalldruckpegel (Spannung) verdoppelt sich auf 6 dB.

Änderung der Lärmvorschriften

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat eine Novellierung der Baunutzungsverordnung eingebracht, darüber stimmt der Bundesrat am 10.2.17 ab. Um Bauen zu erleichtern soll eine neue Kategorie „urbane Gebiete“ eingeführt werden. Angesichts der bestehenden Wohnungsknappheit nicht unverständlich.

Dazu jedoch die Bestimmungen zum Lärmschutz zu lockern, bedeutet für die Bewohner dieser Gebiete dann ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. Schon heute werden Flächen je nach Nutzungsmöglichkeit unterschieden. Wohnen ist in reinen und allgemeinen Wohngebieten, sowie Kern-, Dorf- und Mischgebieten zulässig. Es gelten unterschiedliche Grenzwerte, sie reichen von 50 bis 60 dB(A) tags und 35 bis 45 dB(A) nachts. Die WHO rät dringend, die Werte 60 dB(A) bzw. 45 dB(A) nicht zu überschreiten, denn nachweislich steigt das Risiko für Allergien, Herzkreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Migräne erheblich.

Für die neuen „urbanen Gebiete“ sollen die Grenzwerte 63 dB(A) tags und 48 dB(A) nachts festgesetzt werden. Das Ministerium von Dr. Barbara Hendricks (SPD) bat verschiedene Institutionen um Stellungnahme.

Kritik: mangelnde Gesundheitsvorsorge

So bemängelt der Arbeitsring Lärm der DEGA: „Ein Anlass für die plötzliche Verdoppelung der zulässigen Immissionen bzw. Halbierung der Lärmschutzanforderungen gegenüber einem Misch- bzw. Kerngebiet ist nicht ersichtlich“ und „die dichte Bebauung im Urbanen Gebiet rechtfertigt die Verdoppelung jedenfalls nicht. Denn die Bebauung entspricht hinsichtlich Grundflächenzahl (GRZ) und Geschossflächenzahl (GFZ) der eines Kerngebietes – welches jedoch einen Lärmschutzstandard von 60/45 dB(A) Tag/Nacht aufweist.“

Der BUND zum Gesetzentwurf: „Die „urbanen Gebiete“ können also in der Realität Lärmgebiete werden. Dies bedeutet, dass hier Pegel zulässig sein sollen, die um 13 dB höher sind als im reinen Wohngebiet. (13 dB bedeutet: die einwirkende Schallintensität ist zwanzig mal so hoch)“ und resümiert: „Ein Änderungsbedarf zu Lasten des Gesundheitsschutzes und des Immissionsschutzes wird von uns abgelehnt.“

Aktualisierung 15.02.2017

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) führt in seiner Stellungnahme dazu aus, „anstelle der Anhebung des Lärmgrenzwertes sollten technische und betriebliche Maßnahmen des Schutzes vor Lärm zur Einhaltung derzeit geltender Grenzwerte in Mischgebieten vorgeschrieben werden“ und verweist auf „Beeinträchtigung der Kommunikation und den kognitiven Leistungen (Lernen) bei Kindern bis hin zu ernst zu nehmenden Erkrankungen wie Bluthochdruck oder der Zunahme des Herzinfarktrisikos“

Plötzlicher Sinneswandel?

Noch 2015 war vorgesehen für die neu geschaffenen Gebiete die gleichen Grenzwerte wie für Mischgebiete einzusetzen, in dem Papier „Neues Zusammenleben in der Stadt“ vom 30.10.15 heißt es: „Kommunen können dann in besonderen urbanen Lagen Baugebiete ausweisen, in denen eine höhere bauliche Dichte als in Mischgebieten möglich ist. Zugleich gilt für die Wohnnutzung ein innenstadttypischer Lärmschutzstandard wie im Mischgebiet.“

Offensichtlich haben Lobbyisten in der Zwischenzeit die, ohnehin eher dem Bau, als dem Umweltschutz verbundene Ministerin dazu bewegen können den Lärmschutz aufzuweichen. Neben Industrie- und Handwerksverbänden äußert auch die Musikbranche ihre Begehrlichkeiten, die Livekomm fordert in ihrem Positionspapier: „Das Recht von Einzelpersonen nach Ruhe soll nicht mehr höher bewertet werden, als der Wunsch vieler Menschen nach Entfaltung bei Musikveranstaltungen.“

Umweltschutz ist Gesundheitsvorsorge. Saubere Luft, Gewässer und Böden zu fordern ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anzuerkennen, dass Lärm nicht minder gesundheitsschädlich ist, fällt selbst manch Grünen schwer. Die Ressorts Umwelt und Bau in ein Ministerium zu packen, war ohnehin fragwürdig, denn dadurch sind Interessenkonflikte vorprogrammiert.

Die Ländervertretungen im Bundesrat sind nun gefordert, der Aufweichung des Lärmschutzes nicht zuzustimmen. Für „urbane Gebiete“ sollten die gleichen Grenzwerte gelten wie für Mischgebiete.

 

weiterführende Links zu den zitierten Dokumenten:

  • Bundesministerium Umwelt, Gesetzentwurf vom 30.11.2016, PDF
  • Deutscher Städte und Gemeindebund, BMUB Papier „Neues Zusammenleben in der Stadt“ vom 30.10.2015, PDF
  • Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Stellungnahme vom 27.7.2016, PDF
  • Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), Stellungnahme vom 15.2.2017, PDF
  • Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA), Stellungnahme vom 27.7.2016, PDF
  • WHO Europe: Night Noise Guidelines 2009, PDF
  • Livekomm, Positionspapier vom 10.10.16, PDF

 

Was läuft eigentlich am RAW?


Kurzbroschüre http://raw-kultur-l.de/wp-content/uploads/2016/12/Vorstellung-RAW-Kultur-L-061216.pdf
Kurzbroschüre

Im November 2016 wurde über den Entwicklungsstand „Soziokulturelles L“ informiert. Denn nach den Erfahrungen der beiden, von Kurth-Immobilien initiierten Werkstätten „RAW-Entwicklung“, bei der unterschiedliche Szenarien der Bebauung vorgestellt wurden, haben sich die Akteure entschlossen eine eigene Strategie zu entwickeln.

Der Wunsch ist die Häuser dem Besitzer Kurth-Immobilien ab zukaufen. Als Partner wurde dazu die Trias-Stiftung gewonnen. Das Projekt befürworten die beiden ehemaligen Bezirksbürgermeister, Cornelia Reinauer (Linke) und Franz Schulz (Grüne), sowie Sven Heinemann (SPD, MdA). Auch dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg liegt an einem soziokulturellen Zentrum für den Stadtteil, stattbau wurde beauftragt den Prozess zu begleiten und die Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V  berät.

In Gründungsphase ist eine Projektentwicklungsgenossenschaft, die NutzerInnen wurden aufgerufen den VertreterInnen ihre Stimme zu geben. Ziel ist es mit dieser Vorstufe eine Stadtteilgenossenschaft zum Kauf zu gründen. Genossenschaftsanteile können dann von NutzerInnen, Vereinen, Institutionen, Nachbarn, Kunden, Gästen und sonstigen Unterstützern erworben werden. Eine homepage befindet sich im Aufbau: http://raw-kultur-l.de/

„Ohne Übernahme von Verantwortung wird es keine Freiheit geben“, so Franz Schulz und „blood, sweat and tears“ sind der Preis. Aber vermutlich wird es die letzte Chance sein, den Ort langfristig zu erhalten. Olaf Schenckenberg vom Kinderzirkus Zack sieht in seinem Engagement nicht nur die Sicherung der eigenen Existenzgrundlage sondern auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag für den Stadtteil. Andere hingegen waren ganz zufrieden mit auf 5 Jahre befristeten Einzelmietverträgen.

Ob Kurth-Immobilien tatsächlich bereit sein wird einen Teil des Grundstückes wieder zu verkaufen, ist nicht bekannt. Über einen möglichen Kaufpreis kursieren Spekulationen zwischen 2 und 8 Mio. Euro. Laut dem Geschäftsführer von Trias ist ein Eigenkapital von 25-35 % des Kaufpreises nötig. Demnach also irgendwas zwischen 500.000 und 2,8 Mio.

Kiezbewohner sparen schon mal für Anteile, wenn’s denn so weit ist…

 

Sendung zum Thema vom 7.12.16 bei MEGAspree on Air, Audio hier (60 min.)

 

Rund ums RAW-Gelände: Entspannung doch keine Entwarnung!


Wir haben die aktuellen Zahlen zur Kriminalitätsentwicklung unter die Lupe genommen und für den Bereich rund ums RAW-Gelände ausgewertet. Die Antwort der Innensenatsverwaltung auf eine schriftliche Anfrage (Drucksache S 17/19111) von Marianne Burkert-Eulitz (Grüne) liefert die Daten. Für die Grafik haben wir drei Deliktgruppen herausgegriffen und mit den Fallzahlen der Vorjahre verglichen.

Gewaltdelikte

Zu Delikten mit Gewaltcharakter gehören u.a. Körperverletzung und Raub. Im Vergleich zu 2013 ist eine Abnahme dieser beiden Straftaten um 12 % bzw. 30 % zu vermerken. Wenn bis Ende des Jahres die Zahlen nicht wieder nach oben korrigiert werden müssen, eine positive Entwicklung. Die Zahl der Sexualdelikte hat sich hingegen verdreifacht, von 5 angezeigten in 2013 auf 15 bis Ende September 2016. Ob das mit der Silvesternacht in Köln in Verbindung gebracht werden kann, vermögen wir nicht zu beurteilen. An dieser Stelle möchten wir betroffene Frauen dazu ermutigen alle Übergriffe auch zur Anzeige zu bringen!

Eigentumsdelikte

Eigentumsdelikte insgesamt, wie Einbruch und Diebstahl, sind bis September zum Vergleichsjahr 2013 um 17,8 % zurückgegangen. Bei Taschendiebstahl hingegen ist das Niveau um 7 % angestiegen. 2013 wurden 528 Fälle zur Anzeige gebracht, bis Ende September waren es 565.

Hier liegt die Dunkelziffer vermutlich besonders hoch. Eine Nachbarin erzählt, dass sie gefundene, entleerte Handtaschen und Portemonnaies nicht mehr bei der Polizei abgibt, sondern versucht die Bestohlenen selbst zu kontaktieren. In den meisten Fällen haben die Opfer den Verlust gar nicht erst zur Anzeige gebracht. Anzunehmen ist zudem, dass beklaute Nachtschwärmer, die ein ausgelassenes Wochenende in Berlin verbringen und am Sonntag wieder gen Heimat abreisen den Verlust von smartphones usw. als erwartbare Begleitumstände verbuchen. Bei vergleichsweise günstigen Eintritt und Getränken und Easyjetter Tarif wohl zu verschmerzen.

Polizeipräsident Kandt’s Ankündigung Taschendiebstahl nur noch „schmal zu bearbeiten“ wird leider dazu führen, dass kaum noch jemand anzeigt. Es bleibt nur zu hoffen, dass dies mittelfristig nicht dazu führt, dass die Personaldecke der Polizei noch dünner wird.

Betäubungsmittel

Drogenhandel und Besitz erreichen nicht mehr das hohe Niveau von 2014 und 2015, sind im Durchschnitt aber immer noch rund doppelt so hoch wie im Jahr 2013. Der Anteil an nicht Cannabis haltigen Substanzen lag 2013 bei 20,9 % (79 von insgesamt 384 Fällen). Bis September diesen Jahres machten 165 sichergestellte Funde einen Anteil von 29,6 % aus. Insgesamt wurden 558 Fälle erfasst. Der Trend geht weiter zur amphetaminhaltigen Droge, was in einem „Partykiez“ wie dem unseren wenig überrascht. In unserer Nachbarschaft ist man immer wieder mit aufgeputschten Menschen konfrontiert, deren Hemmschwelle gesunken und Gewaltbereitschaft gestiegen ist.

Die Konzentration von Clubs entlang des „Techno-Strichs“ zieht massenhaft Besucher an. Bei der zukünftigen Entwicklung des RAW-Geländes muss dieser Zusammenhang Eingang in die weitere Planung finden. Denn es macht sehr wohl einen Unterschied ob ein Dutzend Verstrahlte oder mehrere Busladungen davon die nächtlichen Straßen bevölkern.

 

 

 

Skandalös: Sprayen statt Staatsanwalt als Sonderermittler?


pickpocket

Ende März diesen Jahres startete unsere Einwohnervertretung aufgrund spürbar gestiegener Kriminalität und offensivem Drogenhandel rund ums RAW-Gelände eine Unterschriftensammlung. Am 23. Mai übergaben wir sie im Namen von über 3.100 Unterzeichnern an Innensenator Frank Henkel (CDU). Drei Tage später erfuhren wir durch Medienberichte, dass Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) bereits einen Staatsanwalt als Sonderermittler für das Gebiet bestellt habe. Dazu veröffentlichte Kurt Wansner (CDU, Mitglied des Innenausschusses) am 26.5. eine Presseerklärung. Und die Morgenpost wollte auf Nachfrage bei der Sprecherin der Senatsjustizverwaltung gar erfahren haben wollen, dass dieser Staatsanwalt bereits seit acht Wochen im Amt sei.

Doch kein Sonderermittler!

Die zügige Erfüllung einer der Forderungen unserer Petition hatte uns im Mai selbst überrascht. Diese Woche aber haben wir über unseren Polizeiabschnitt erfahren, dass es diesen Sonderermittler für den Kriminalitäts-Hotspot in unserem Kiez gar nicht gibt oder er oder sie der Polizei jedenfalls nicht bekannt ist. Arbeitet er oder sie so verdeckt, dass nicht einmal die Polizei im Viertel ihn oder sie kennt? Wir bleiben dran und fordern Aufklärung!

Gezielte Desinformation?

Am 9. Juni trafen sich zwei Vertreterinnen der Anrainer auf Einladung von Innenexperte Kurt Wansner mit dem Staatssekretär für Justiz Alexander Straßmeir (CDU) zum Gespräch im Abgeordnetenhaus. Die Leitung unserer zuständigen Polizeidienststelle wurde nicht eingeladen, obwohl sie und wir deren Teilnahme sehr begrüßt hätten. Bei dem Termin wurde unserer Initiative erläutert, wie sich die Arbeit des Sonderermittlers gestaltet. Im Kriminalitätsschwerpunkt begangene Straftaten sollen in einer Person zusammenlaufen, um die Verfahren insbesondere von Tätern, die als Banden operieren oder mehrfach die gleichen oder ähnliche Delikte begehen, besser zu koordinieren. Ein persönlicher Kontakt wurde abgelehnt. „Das sei nicht erwünscht“, erklärte der Staatssekretär damals. War das alles eine gezielte Desinformation um uns ruhig zu stellen? Oder aber gab es weitere Entwicklungen, die man uns nicht mehr mitteilen wollte?

Streetart statt Ermittlungen

Polizeipräsident Kandt auf der Warschauer Brücke
Polizeipräsident Kandt auf der Warschauer Brücke

Einmal mehr zeigt sich, dass die politisch Verantwortlichen lediglich mit kosmetischen Maßnahmen auf bestehende Probleme reagieren. Für unseren Kiez, in dem es seit 2014 einen signifikanten Anstieg von Taschendiebstahl gibt, ist die Meldung der Berliner Zeitung über Polizeipräsident Klaus Kandts Anordnung „Bagatelldelikte“ wegen geringer Erfolgsaussichten (durch Personalmangel) nicht mehr zu verfolgen, gelinde gesagt, eine herbe Enttäuschung. Wie dem Bund der Deutschen Kriminalbeamten ist uns diese Entscheidung völlig unverständlich. Da mutet es doch reichlich zynisch an, dass Kandt noch eine Woche zuvor medienwirksam höchstpersönlich bunte Piktogramme auf die Warschauer Brücke gesprüht hat um vor Langfingern zu warnen – wegen der ungeeigneten Farbe hielten die Piktos jedoch nur wenige Tage.

Ob die neue Senatskonstellation endlich die richtigen Weichen stellen wird, um die massive Ausbreitung der Bandenkriminalität einzudämmen? Bei der Gelegenheit erinnern wir an eine weitere Forderung unserer Unterschriftensammlung: Polizei qualitativ und quantitativ besser ausstatten.

 

 

 

 

 

Friedrichshain hatte die Wahl


BVV: Stimmverteilung
BVV: Stimmverteilung

Nach dem Wahlsonntag werden insgesamt acht statt der bislang fünf Parteien in die neue Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Friedrichshain-Kreuzberg einziehen. Wie genau in den Xhainer Kiezen abgestimmt wurde, kann man in den interaktiven Karten beim Tagesspiegel nachschauen.

BVV: Sitzverteilung
BVV: Sitzverteilung

Von den insgesamt 55 BVV-Sitzen gehen 20 an die Grünen, 12 an die Linken und 10 an die SPD; vier Sitze erhält die CDU, drei die AfD und jeweils zwei die FDP, Die Piraten und Die Partei (eine genaue Aufstellung mit Namen gibt es hier). Größte Verlierer der Wahl waren neben den Piraten (-9,5 Prozentpunkte) die großen Bezirksparteien SPD (-3,6 Prozentpunkte auf 17,2%) und die Grünen (-2,7 Prozentpunkte auf 32,7%), während die Linke mit +8,9 Prozentpunkten deutlich auf 20,8% zulegen konnte. Für die grüne Bezirksbürgermeistern Monika Herrmann, die im Vorfeld eigentlich auf 40%+ spekuliert hatte, ist das Wählervotum nicht nur eine herbe Watsche für ihre bisherige Bezirkspolitik, sondern erfordert wohl auch den Kniefall vor den anderen Parteien, denn SPD und Linke könnten – wenn sie wollten – gemeinsam einen eigenen Bürgermeisterkandidaten aus ihren Reihen aufstellen und Frau Herrmann damit genügend Zeit lassen, ohne wichtigere Verpflichtungen ihre Katzenfotos bei Facebook zu posten.

Stadtratsposten sollten neu gemischt werden

Interessant wird die Verteilung der fünf Stadtratsposten. Faktisch ändert sich nicht viel, es sei denn die Grünen kaufen sich die Wahl der Bezirksbürgermeisterin Herrmann durch Abgabe eines Postens. Ohne diese Spielchen stellen die Grünen weiterhin drei, SPD und Linke jeweils einen Stadtrat. Es wäre aus unserer Sicht sinnvoll bei der Neuverteilung der Posten auch die Verantwortlichkeiten neu zu ordnen. Bislang lagen bspw. Wirtschaft und Ordnung in der Hand von Peter Beckers (SPD), während Hans Panhoff (Grüne) für Planen, Umwelt und Bauen zuständig war. So kam es immer wieder zu Kompetenzver- und schuldzuweisungen zwischen den Behörden und den Stadträten. Ein Gastrobetrieb etwa muss seine Genehmigung beim Ordnungsamt einholen, das aber wiederum auf die Einschätzung des Umweltamts bspw. hinsichtlich Lärm- oder Geruchsemissionen angewiesen ist. Als lärmgeplagter Anwohner kennt man diesen Kompetenzspießrutenlauf ebenfalls. Dass die Ressorts nicht zwangsläufig in Stein gemeißelt sind, zeigt ein Blick auf die vorangegangenen Wahlperioden.

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Auch die Einrichtung eines eigenen Ressorts „Tourismus“ wie es jüngst Sven Heinemann, Mitglied des Abgeordnetenhauses, vorgeschlagen hat, wäre aus unserer Sicht sicherlich nicht verkehrt.

(Zusammen)Arbeit mit vielen Kleinen?

Nicht ganz uninteressant wird auch, ob und wie die etablierten Parteien die Geschäftsordnung der BVV für die neue Legislaturperiode ändern, damit sie die Zusammenarbeit mit der ungeliebten AfD umgehen können, die es ja immerhin geschafft hat, mit drei Mitgliedern eine eigene Fraktion in der Xhainer BVV zu stellen. Es wird schon spekuliert, dass das grün-rot-rote Triumvirat die Schwellen für die Bildung des Ältestenrates oder der Ausschüsse ändert. Damit hätte man gleichzeitig das Problem erschlagen, sich mit den bestimmt kritischen Fragen der Minderheitsparteien FDP oder den Piraten (die im letzten Jahr übrigens den Mißbilligungsantrag gegen den grünen Baustadtrat Panhoff initiierten, weil er auf eigene Faust zu viele Stockwerke für den Neubau auf dem ehemaligen Yaam-Gelände genehmigte) auseinanderzusetzen. Schade wäre so eine Entwicklung auch deshalb, weil es bestimmt interessant wird, welchen Spiegel die Satirepartei „Die Partei“ (immerhin auch 2 Sitze) ihren Kollegen in der BVV vorhalten wird. Aber wie formulierte es Lorenz Marold gestern so schön im Checkpoint-Newsletter: „Da dort (in der BVV) aber ohnehin vieles wie Satire wirkt, wird sie kaum weiter auffallen.“

Hotel statt Wohnraum im Milieuschutzgebiet Boxi


Boxhagener Ecke Simon-Dach-Str.
Boxhagener Ecke Simon-Dach-Str.

Kommen jetzt nach Kneipen-, Hostel-, Hotel- und Ferienwohnungschwemme die Luxushotels in den Südkiez? Im dem Eckhaus Boxhagener Str. 26 / Simon-Dach-Str. 46, also innerhalb des Erhaltungsgebiets Boxhagener Platz hat das Chrome Cottage eröffnet. Laut booking.com werden Hotelzimmer angeboten ab 21 m² (Standardzimmer) bis zu 80 m² (Suite). Auch schön für die Gäste: die Ausstattung aller Zimmer mit Schallisolierung sorgt selbst auf der Simon-Krach für störungsfreien Schlaf.

Für die verbliebenen luxussanierten Appartements in der 2. bis 4. Etage, die als „Wohnraum“ deklariert werden, gibt es einen auf 2 Jahre befristeten Mietvertrag mit Zalando, dort sollen deren Mitarbeiter wohnen. In Betreiberkreisen wird spekuliert, dass nach Ablauf des Vertrages mit Zalando das gesamte Haus ein Hotel werden könnte.

Wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass in dem Mietshaus im Millieuschutzgebiet noch nach 1999 Wohnraum in Gewerbe umgewandelt werden konnte, berichtet das „Mieterecho“ in seiner aktuellen Ausgabe. Dem Bezirk waren seit Jahren die Pläne zur Umwandlung, die Entmietungen und der fortschreitende Leerstand bekannt. Auf BVV-Sitzungen stellte die Linke dazu mehre Anfragen, diese sind leider nicht mehr im Linken-Archiv zu finden. SA/099/IV vom 23. Januar 2013 hier. Der zuständige grüne Baustadtrat beschwichtigte, wiegelte ab, blieb untätig und verschleppte. Obwohl er durch das besondere Verwaltungsrecht für soziale Erhaltungsgebiete, das Werkzeug dazu an der Hand gehabt hätte.

Das Haus wurde zum Spekulationsobjekt und wechselte mehrmals den Besitzer, aktuell gehört es der Kurth-Immobilen-Gruppe. Da war doch was? Ja, die gleichen Kurths aus Göttingen, die voriges Jahr auch den größten Teil des RAW-Geländes gekauft haben. Wen wundert es da noch, dass Hans Panhoff, der eher zu investorenfreundlichem Verwaltungshandeln zu neigen scheint, bei einer EinwohnerInnenanfrage fand: die frühzeitige Einbindung der Bürger, wie bei der Entwicklung des Freudenberg-Areals, sei fürs RAW nicht erstrebenswert (DS/2259/IV)

Für einen Blick in die Zukunft lohnt ein Blick zurück. Denn seit der Verwaltungsreform 2001, bei der für unsern Bezirk Stadtteile aus West- und Ostberlin zusammengelegt wurden, sind grüne Stadträte für die Ressorts Umwelt und Bau zuständig, Franz Schulz von 2001 bis 2006 und seitdem Hans Panhoff. Der eigenen Verantwortung nicht gerecht werden und den Handlungsbedarf bei anderen sehen? Im aktuellen Bezirkswahlprogramm jedenfalls fordern die Grünen vom Senat: Die immer neue Ansiedlung von Hotels und Hostels muss endlich durch einen Berliner Hotelentwicklungsplan kiezverträglich gesteuert werden.

Zum Sachgebiet Umwelt gehört originär der Lärmschutz. Flüsterasphalt – ja. Aber Kneipenlärm? Anfang 2000 hat Herr Schulz noch die Kompromissfindung zwischen Anwohnern und Gastronomie im Südkiez begleitet. Herr Panhoff kümmert sich da erst gar nicht um Lärmprobleme und überlässt es gleich Stadtrat Peter Beckers (Wirtschaft u. Ordnung), dem zur Lösung der Konflikte nur Mittel aus der Wirtschaftsförderung und Partner aus Hotellerie und Gastronomie zur Verfügung stehen.

„Vielfältige Kiezstrukturen erhalten statt überall Hostels zu bauen. Die Menschen sollen nicht durch zu starken Lärm krank werden. Wir kämpfen für einen Kneipen-Stopp, wenn im Kiez durch immer mehr Restaurants, Cafés und Bars die Mischung kippt“ usw., ect., pp. – kann grünen Publikationen derzeit entnommen werden. Gleichzeitig lesen die Bewohner aus dem Simon-Dach-Kiez im Tagesspiegel: Und warum hat er sich für sein Aufbegehren gegen den Trend zum „Ballermann“ nicht den Kneipen-Hotspot des Bezirks an der Friedrichshainer Simon-Dach-Straße ausgesucht? Dort sei nichts mehr zu retten, sagt der Stadtrat. „Dieser Kiez ist schon gekippt.“ Nach 10 Jahren versäumten Eingreifens für betroffene Bewohner eine zu einfache Erklärung.

Die Berliner Zeitung will erfahren haben, dass die Linken für das Fachgebiet Stadtentwicklung ihre Expertin Katrin Lompscher ins Gespräch bringen. Ob die Grünen auf den Posten verzichten, ist ungewiss.

Die Qual der Wahl scheint 2016 schlimmer als üblich, laut aktueller Umfrage sind noch 41% unentschlossen.

Drei Herren für ein Hallejuja im Kiez


Michael Näckel (DEHOGA), Peter Beckers (Stadtrat), Stefanie Raab (Coopolis), Karola Vogel (Die Anrainer) und Sven Heinemann (Abgeordnetenhaus)
Michael Näckel (DEHOGA), Peter Beckers (Stadtrat), Stefanie Raab (Coopolis), Karola Vogel (Die Anrainer) und Sven Heinemann (Abgeordnetenhaus)

Am Freitag vergangener Woche lud Peter Beckers, SPD-Bezirksstadtrat für Wirtschaft, Bürgerdienste und Ordnungsamt die Anwohner zum Kiezgespräch mit dem Thema „Wie können wir unseren Kiez beruhigen?“. Der Einladung war ein Aufruf zur kreativen Ideenfindung vorhergegangen, den wir durchaus kritisch sahen.

Wir rechnen es Herrn Beckers grundsätzlich hoch an, dass er sich diesem Thema und den daraus resultierenden Sorgen und Nöten der Nachbarn annimmt. Seine Vision, dass wir Anwohner hier wieder gut schlafen können und weiterhin gerne im Kiez leben, teilen wir Anrainer durchaus. Gleichzeitig hoffen wir natürlich, dass er das Thema nicht nur für den Wahlkampf, sondern auch langfristig weiter verfolgen wird.

Auf dem Podium, das von Stefanie Raab, Geschäftsführerin Coopolis GmbH, die aktuell das fair.kiez-Projekt betreut, moderiert wurde, sprachen auch Michael Näckel, Bezirksbeauftragter des Berliner Hotel- und Gastroverbands DEHOGA, der kürzlich mit seiner 3cm-Tischsäge-Aktion für reichlich PR sorgte, sowie Sven Heinemann, Mitglied des Abgeordnetenhauses (SPD).

Mehr Qualität in der Gastro-Szene

Herr Näckel warb insbesondere dafür, dass es mit dem aktuell vorherrschenden „speziellen Angebot“ im Simon-Dach-Kiez so nicht weitergehen kann. Damit der Kiez „nicht kippe“ sei dringend ein gehaltvolleres und qualitativ hochwertigeres Angebot notwendig. Zwingenden Handlungsbedarf sieht Herr Näckel auch hinsichtlich der auswuchernden Späti-Dichte im Kiez. Hier werden Touristen mit billigstem Bier „munitioniert“, was zu den Negativauswirkungen des Easyjet-Tourismus (Lärm, Verwahrlosung, etc.) beitrage.

„Chefsache Tourismus“ und neue Verteilung der CityTax

Mit Blick aus Landesebene erklärte Sven Heinemann, dass der Tourismus ein nicht unwichtiger Wirtschaftsfaktor der Stadt sei. Gleichzeitig betonte er, dass der Tourismus aber aktuell ohne eine gesunde Wertschöpfung betrieben werde. Ähnlich wie in vielen traditionellen Industriezweigen braucht es analog zu Filteranlagen eine entsprechende Infrastruktur und ordnungspolitische Regeln, um die Lärmimmission für die Anwohner in touristisch belebten Gebieten gering zu halten. Auch aus seiner Sicht, ist der aktuelle Ballermann-Tourismus, den Anwohner aktuell hier im Kiez erfahren, ganz und gar nicht nachhaltig. Er forderte eine genaue Zielgruppen-Analyse und die Bewerbung neuer touristischer Zielgruppen, wenn Berlin langfristig als Weltenbummler-Metropole attraktiv bleiben will.

Er plädierte auch dafür, dass sowohl auf Bezirks- als auch auf Landesebene ein eigener Ausschuss für Tourismus eingerichtet wird, der sich um die daraus resultierenden spezifischen Belange kümmert und ein Konzept für nachhaltigen Tourismus entwickelt. Wie Stadtrat Beckers wünscht sich auch Sven Heinemann, dass ein deutlich größerer Teil (wünschenswert wären 50%) der CityTax, die die Stadt durch den Tourismus einnimmt, an die Bezirke zurück fließt, in denen sie erwirtschaftet wird, um dort die entsprechende Infrastruktur wie Toiletten oder die Straßenreinigung zu finanzieren. Gleichzeitig regte er an, dass -ähnlich wie damals beim ÖPNV- eine eigene Einsatztruppe der Polizei eingerichtet wird, die regelmäßig kontrolliert und bei eskalierenden Konflikten eingreift. Dadurch könne das Ordnungsamt, das nur bis 22 Uhr zuständig ist, und die Polizei, die nach 22 Uhr zwar zuständig ist, aber durchaus für andere Maßnahmen der Gefahrenabwehr und Kriminalitätsverfolgung gebraucht wird, entlastet werden.

Gemeinsam wollen Politik und Gastronomie an einem Strang ziehen

Einigkeit zeigten alle drei Herren auch darin, dass man den Kiez nur gemeinsam verändern könne. Politik, Behörden Gastronomen und Anwohner müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, um den Kiez für Besucher liebens- und für Anwohner lebenswert zu gestalten. Der erste richtige Schritt dafür ist, dass sich die Gastronomen des Clearingbreichs bei den Öffnungszeiten der Schankvorgärten untereinander kontrollieren. Einige der anwesenden Kneipiers, Herr Näckel und Herr Beckers machten sehr deutlich, dass sie gerne wissen würden, wer zu den „schwarzen Schafen“ gehört. Offenbar meinen sie es (dieses Mal) wirklich ernst… Das nächste Thema soll dann die Reduzierung des verhaltensbedingten Lärms durch umherziehende Nachtschwärmer sein.

Falls euch Anwohnern auffällt, dass sich einzelne Wirte im Clearingbereich der Simon-Dach-Straße nicht an die Schließzeiten (So-Do 23:00 Uhr, Fr und Sa 24:00 Uhr) halten, dann dokumentiert es bitte (am besten mit Foto) und schreibt uns gerne. Zu diesen Zeiten müssen die Gäste die Tische verlassen haben und die Außenbestuhlung aufgeräumt sein. Wir leiten eure Mitteilung gerne weiter.