Warum die Aufregung wegen 3 Dezibel?


doppelte Lautstärke

Das mag sich mancher fragen. Hört sich nicht nach viel an. Weil aber die Wahrnehmung von Lärm nach der Dezibel-Skala exponentiell ansteigt, bedeutet ein nur um 3 dB erhöhter Leistungspegel für das menschliche Gehör eine Vervielfachung der wahrgenommenen Lautstärke auf 10 dB, wie das Diagramm zeigt. Der messbare Schalldruckpegel (Spannung) verdoppelt sich auf 6 dB.

Änderung der Lärmvorschriften

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit hat eine Novellierung der Baunutzungsverordnung eingebracht, darüber stimmt der Bundesrat am 10.2.17 ab. Um Bauen zu erleichtern soll eine neue Kategorie „urbane Gebiete“ eingeführt werden. Angesichts der bestehenden Wohnungsknappheit nicht unverständlich.

Dazu jedoch die Bestimmungen zum Lärmschutz zu lockern, bedeutet für die Bewohner dieser Gebiete dann ein erhöhtes Gesundheitsrisiko. Schon heute werden Flächen je nach Nutzungsmöglichkeit unterschieden. Wohnen ist in reinen und allgemeinen Wohngebieten, sowie Kern-, Dorf- und Mischgebieten zulässig. Es gelten unterschiedliche Grenzwerte, sie reichen von 50 bis 60 dB(A) tags und 35 bis 45 dB(A) nachts. Die WHO rät dringend, die Werte 60 dB(A) bzw. 45 dB(A) nicht zu überschreiten, denn nachweislich steigt das Risiko für Allergien, Herzkreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Migräne erheblich.

Für die neuen „urbanen Gebiete“ sollen die Grenzwerte 63 dB(A) tags und 48 dB(A) nachts festgesetzt werden. Das Ministerium von Dr. Barbara Hendricks (SPD) bat verschiedene Institutionen um Stellungnahme.

Kritik: mangelnde Gesundheitsvorsorge

So bemängelt der Arbeitsring Lärm der DEGA: „Ein Anlass für die plötzliche Verdoppelung der zulässigen Immissionen bzw. Halbierung der Lärmschutzanforderungen gegenüber einem Misch- bzw. Kerngebiet ist nicht ersichtlich“ und „die dichte Bebauung im Urbanen Gebiet rechtfertigt die Verdoppelung jedenfalls nicht. Denn die Bebauung entspricht hinsichtlich Grundflächenzahl (GRZ) und Geschossflächenzahl (GFZ) der eines Kerngebietes – welches jedoch einen Lärmschutzstandard von 60/45 dB(A) Tag/Nacht aufweist.“

Der BUND zum Gesetzentwurf: „Die „urbanen Gebiete“ können also in der Realität Lärmgebiete werden. Dies bedeutet, dass hier Pegel zulässig sein sollen, die um 13 dB höher sind als im reinen Wohngebiet. (13 dB bedeutet: die einwirkende Schallintensität ist zwanzig mal so hoch)“ und resümiert: „Ein Änderungsbedarf zu Lasten des Gesundheitsschutzes und des Immissionsschutzes wird von uns abgelehnt.“

Aktualisierung 15.02.2017

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) führt in seiner Stellungnahme dazu aus, „anstelle der Anhebung des Lärmgrenzwertes sollten technische und betriebliche Maßnahmen des Schutzes vor Lärm zur Einhaltung derzeit geltender Grenzwerte in Mischgebieten vorgeschrieben werden“ und verweist auf „Beeinträchtigung der Kommunikation und den kognitiven Leistungen (Lernen) bei Kindern bis hin zu ernst zu nehmenden Erkrankungen wie Bluthochdruck oder der Zunahme des Herzinfarktrisikos“

Plötzlicher Sinneswandel?

Noch 2015 war vorgesehen für die neu geschaffenen Gebiete die gleichen Grenzwerte wie für Mischgebiete einzusetzen, in dem Papier „Neues Zusammenleben in der Stadt“ vom 30.10.15 heißt es: „Kommunen können dann in besonderen urbanen Lagen Baugebiete ausweisen, in denen eine höhere bauliche Dichte als in Mischgebieten möglich ist. Zugleich gilt für die Wohnnutzung ein innenstadttypischer Lärmschutzstandard wie im Mischgebiet.“

Offensichtlich haben Lobbyisten in der Zwischenzeit die, ohnehin eher dem Bau, als dem Umweltschutz verbundene Ministerin dazu bewegen können den Lärmschutz aufzuweichen. Neben Industrie- und Handwerksverbänden äußert auch die Musikbranche ihre Begehrlichkeiten, die Livekomm fordert in ihrem Positionspapier: „Das Recht von Einzelpersonen nach Ruhe soll nicht mehr höher bewertet werden, als der Wunsch vieler Menschen nach Entfaltung bei Musikveranstaltungen.“

Umweltschutz ist Gesundheitsvorsorge. Saubere Luft, Gewässer und Böden zu fordern ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anzuerkennen, dass Lärm nicht minder gesundheitsschädlich ist, fällt selbst manch Grünen schwer. Die Ressorts Umwelt und Bau in ein Ministerium zu packen, war ohnehin fragwürdig, denn dadurch sind Interessenkonflikte vorprogrammiert.

Die Ländervertretungen im Bundesrat sind nun gefordert, der Aufweichung des Lärmschutzes nicht zuzustimmen. Für „urbane Gebiete“ sollten die gleichen Grenzwerte gelten wie für Mischgebiete.

 

weiterführende Links zu den zitierten Dokumenten:

  • Bundesministerium Umwelt, Gesetzentwurf vom 30.11.2016, PDF
  • Deutscher Städte und Gemeindebund, BMUB Papier „Neues Zusammenleben in der Stadt“ vom 30.10.2015, PDF
  • Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Stellungnahme vom 27.7.2016, PDF
  • Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), Stellungnahme vom 15.2.2017, PDF
  • Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA), Stellungnahme vom 27.7.2016, PDF
  • WHO Europe: Night Noise Guidelines 2009, PDF
  • Livekomm, Positionspapier vom 10.10.16, PDF