Drei Herren für ein Hallejuja im Kiez


Michael Näckel (DEHOGA), Peter Beckers (Stadtrat), Stefanie Raab (Coopolis), Karola Vogel (Die Anrainer) und Sven Heinemann (Abgeordnetenhaus)
Michael Näckel (DEHOGA), Peter Beckers (Stadtrat), Stefanie Raab (Coopolis), Karola Vogel (Die Anrainer) und Sven Heinemann (Abgeordnetenhaus)

Am Freitag vergangener Woche lud Peter Beckers, SPD-Bezirksstadtrat für Wirtschaft, Bürgerdienste und Ordnungsamt die Anwohner zum Kiezgespräch mit dem Thema „Wie können wir unseren Kiez beruhigen?“. Der Einladung war ein Aufruf zur kreativen Ideenfindung vorhergegangen, den wir durchaus kritisch sahen.

Wir rechnen es Herrn Beckers grundsätzlich hoch an, dass er sich diesem Thema und den daraus resultierenden Sorgen und Nöten der Nachbarn annimmt. Seine Vision, dass wir Anwohner hier wieder gut schlafen können und weiterhin gerne im Kiez leben, teilen wir Anrainer durchaus. Gleichzeitig hoffen wir natürlich, dass er das Thema nicht nur für den Wahlkampf, sondern auch langfristig weiter verfolgen wird.

Auf dem Podium, das von Stefanie Raab, Geschäftsführerin Coopolis GmbH, die aktuell das fair.kiez-Projekt betreut, moderiert wurde, sprachen auch Michael Näckel, Bezirksbeauftragter des Berliner Hotel- und Gastroverbands DEHOGA, der kürzlich mit seiner 3cm-Tischsäge-Aktion für reichlich PR sorgte, sowie Sven Heinemann, Mitglied des Abgeordnetenhauses (SPD).

Mehr Qualität in der Gastro-Szene

Herr Näckel warb insbesondere dafür, dass es mit dem aktuell vorherrschenden „speziellen Angebot“ im Simon-Dach-Kiez so nicht weitergehen kann. Damit der Kiez „nicht kippe“ sei dringend ein gehaltvolleres und qualitativ hochwertigeres Angebot notwendig. Zwingenden Handlungsbedarf sieht Herr Näckel auch hinsichtlich der auswuchernden Späti-Dichte im Kiez. Hier werden Touristen mit billigstem Bier „munitioniert“, was zu den Negativauswirkungen des Easyjet-Tourismus (Lärm, Verwahrlosung, etc.) beitrage.

„Chefsache Tourismus“ und neue Verteilung der CityTax

Mit Blick aus Landesebene erklärte Sven Heinemann, dass der Tourismus ein nicht unwichtiger Wirtschaftsfaktor der Stadt sei. Gleichzeitig betonte er, dass der Tourismus aber aktuell ohne eine gesunde Wertschöpfung betrieben werde. Ähnlich wie in vielen traditionellen Industriezweigen braucht es analog zu Filteranlagen eine entsprechende Infrastruktur und ordnungspolitische Regeln, um die Lärmimmission für die Anwohner in touristisch belebten Gebieten gering zu halten. Auch aus seiner Sicht, ist der aktuelle Ballermann-Tourismus, den Anwohner aktuell hier im Kiez erfahren, ganz und gar nicht nachhaltig. Er forderte eine genaue Zielgruppen-Analyse und die Bewerbung neuer touristischer Zielgruppen, wenn Berlin langfristig als Weltenbummler-Metropole attraktiv bleiben will.

Er plädierte auch dafür, dass sowohl auf Bezirks- als auch auf Landesebene ein eigener Ausschuss für Tourismus eingerichtet wird, der sich um die daraus resultierenden spezifischen Belange kümmert und ein Konzept für nachhaltigen Tourismus entwickelt. Wie Stadtrat Beckers wünscht sich auch Sven Heinemann, dass ein deutlich größerer Teil (wünschenswert wären 50%) der CityTax, die die Stadt durch den Tourismus einnimmt, an die Bezirke zurück fließt, in denen sie erwirtschaftet wird, um dort die entsprechende Infrastruktur wie Toiletten oder die Straßenreinigung zu finanzieren. Gleichzeitig regte er an, dass -ähnlich wie damals beim ÖPNV- eine eigene Einsatztruppe der Polizei eingerichtet wird, die regelmäßig kontrolliert und bei eskalierenden Konflikten eingreift. Dadurch könne das Ordnungsamt, das nur bis 22 Uhr zuständig ist, und die Polizei, die nach 22 Uhr zwar zuständig ist, aber durchaus für andere Maßnahmen der Gefahrenabwehr und Kriminalitätsverfolgung gebraucht wird, entlastet werden.

Gemeinsam wollen Politik und Gastronomie an einem Strang ziehen

Einigkeit zeigten alle drei Herren auch darin, dass man den Kiez nur gemeinsam verändern könne. Politik, Behörden Gastronomen und Anwohner müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, um den Kiez für Besucher liebens- und für Anwohner lebenswert zu gestalten. Der erste richtige Schritt dafür ist, dass sich die Gastronomen des Clearingbreichs bei den Öffnungszeiten der Schankvorgärten untereinander kontrollieren. Einige der anwesenden Kneipiers, Herr Näckel und Herr Beckers machten sehr deutlich, dass sie gerne wissen würden, wer zu den „schwarzen Schafen“ gehört. Offenbar meinen sie es (dieses Mal) wirklich ernst… Das nächste Thema soll dann die Reduzierung des verhaltensbedingten Lärms durch umherziehende Nachtschwärmer sein.

Falls euch Anwohnern auffällt, dass sich einzelne Wirte im Clearingbereich der Simon-Dach-Straße nicht an die Schließzeiten (So-Do 23:00 Uhr, Fr und Sa 24:00 Uhr) halten, dann dokumentiert es bitte (am besten mit Foto) und schreibt uns gerne. Zu diesen Zeiten müssen die Gäste die Tische verlassen haben und die Außenbestuhlung aufgeräumt sein. Wir leiten eure Mitteilung gerne weiter.