Wer sich wehrt, lebt verkehrt – oder?


Friedrichshain_x_Der PateEin Anwohner wurde Anfang September 2015 krankenhausreif geschlagen, nachdem er morgens sein Kind in die Kita gebracht hatte. Die Täter hatten ihm zu zweit vor seiner Haustür aufgelauert. Offenbar wurden er und seine Familie auch schon im Vorfeld genau beobachtet, denn in den Wochen nach dem Überfall wurden zweimal alle Reifen ihres Autos zerstochen. So viel schlechtes Karma kann kein Zufall sein! Der Anwohner vermutete, dass die Gewaltakte seiner Einschüchterung dienen sollten. Er hatte einen Wirt, der unter seiner Wohnung eine Bar eingerichtet hatte, mehrfach wegen einer Vielzahl von Verstößen angezeigt. In einem Artikel der Berliner Zeitung vom 29.11.2015 über Lärm im Simon-Dach-Kiez, hieß es, die Polizei ermittle zu diesem Zeitpunkt noch, ob es einen Zusammenhang zwischen den Anzeigen gegen den Wirt und dem Überfall gebe.

Wie wir nun erfahren haben, wurde das Ermittlungsverfahren im Mai eingestellt. Ob es ernsthafte Bemühungen gab, den Fall aufzuklären, muss leider bezweifelt werden. Der gezielte und hinterhältige Überfall vor der Wohnungstür des Friedrichshainers wurde lediglich als „einfache Körperverletzung“ eingestuft. „Bei dieser Indizienlage hätte in Richtung organisierte Bandenkriminalität ermittelt werden müssen“, sagte uns damals ein befreundeter Kripobeamter. Das sah die Staatsanwaltschaft offenbar anders. Sie entschied auch, dass von den Tätern kein Phantombild angefertigt wurde. Nachbarn, denen vor dem Überfall herumlungernde Männer aufgefallen waren, wurden nicht als Zeugen befragt. Die seit Jahren ausgedünnte Personaldecke bei Polizei und Justiz lässt keine umfassende Ermittlung mehr zu. „Da wird für die Schublade ermittelt“, räumte ein Beamter ein. Das heißt: Fall erledigt.

Rücksichtslose Gastronomen, untätige Behörden und die Flucht aus dem Kiez

Das betroffene Paar lebte zwölf Jahre lang in ihrer Wohnung, die dann verkauft wurde. Auch die Gewerberäume darunter wurden veräußert. Der dort seit 60 Jahren ansässige Einzelhändler musste – wie so viele vor ihm auch schon – aufgeben. Dem Trend im Kiez folgend sollte hier eine weitere Bar entstehen. Schon bei den Umbauarbeiten wurde deutlich, dass die alte Bausubstanz keinen Schutz vor Zigarettenqualm und Lärm bieten würde. Das Paar, das inzwischen ein Baby bekommen hatte, schaltete frühzeitig Umwelt-, Ordnungs- und Bauaufsichtsamt ein. Das Amt erteilte Auflagen, kontrollierte aber nicht deren Umsetzung. Der Wirt ignorierte die Auflagen. Die Polizei wurde hinzugerufen und stellte wiederholt Zuwiderhandlungen fest. Es folgten Anzeigen, die bei den Behörden jedoch nahezu keine Reaktionen auslösten. Die Familie geriet zunehmend in ohnmächtige Verzweiflung. „Wir haben nachts mit unserem schreienden Kind auf dem Arm versucht, die leiseste Stelle in der Wohnung zu finden. Abgesehen von dem Lärm mussten wir auch ein Jahr den Zigarettenqualm in unserer Wohnung aushalten, der durch die Dielen aus der Raucherbar aufstieg“, so die junge Mutter.

Das Paar und auch andere betroffene Nachbarn wandten sich im Laufe des Jahres mehrfach an die Behördenleiter, die zuständigen Stadträte und sogar an die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Da könne man nichts machen, war der Tenor, es bestehe Gewerbefreiheit. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die verzweifelte Lage der jungen Familie schien niemanden zu interessieren. Die letzte Hoffnung der Familie ruhte auf einem inzwischen laufenden Gerichtsverfahren. Ein vom Gericht bestellter technischer Gutachter bestätigte das massive Problem mit Zigarettenqualm und Lärm in der Wohnung. Doch die Hoffnung währte nicht lange: Ein paar Tage nach dem Begutachtungstermin wurde der Familienvater wie oben berichtet zusammen geschlagen. Nachdem er das Krankenhaus verlassen konnte, flüchtete er mit seiner Frau und dem zweijährigen Kind zu Verwandten. Als sich die junge Familie einige Tage später doch wieder nach Hause traute, wurden zwei Mal alle Autoreifen zerstochen – und dass obwohl die Familie ihren Wagen aus Angst vor Beschädigungen bewusst einige Straßen weiter weg geparkt hatte.

Ein traumatisches Erlebnis, die eigene Wohnung war zur no-go-area geworden. Das Gefühl für die Sicherheit um Leib und Leben, aber auch das Vertrauen in den Staat als Schutz bietende Institution, war für die Familie für immer verloren gegangen. Sie vagabundieren mit ihrem Kind zwischen Freunden und Verwandten hin und her, da sie den Aufenthalt in ihrer Wohnung als zu gefährlich empfanden. Ein normales Leben war nicht mehr möglich. „Wir mussten uns krank melden, wir konnten unserer Arbeit nicht mehr nachkommen, wir haben den Kitaplatz für unser Kind verloren. Wir haben regelrecht unsere Existenz verloren. Bis heute können wir nicht begreifen, dass die Situation für uns als Anwohner so eskalieren konnte, ohne dass sich jemand zuständig fühlt.“

Die Familie ist immer noch auf der Suche nach einer bezahlbaren Bleibe und einstweilen bei Verwandten weit weg von Berlin untergekommen. „Wir mochten Berlin immer, weil es so viel freier ist als andere Städte, aber aus dem ‚frei’ ist irgendwann ein ‚rücksichtslos’ und ‚ignorant’ geworden und wenn die Freiheit feiernder Touristen und derer, die davon profitieren zu Lasten der dort lebenden Menschen geht, dann ist einfach etwas schief gelaufen. Und so sehr wir Vielem hinterher trauern, weil wir unsere Wohnung und unser soziales Umfeld verlassen mussten, wir sind auch sehr erleichtert, den Lärm und all die anderen Probleme, mit denen wir uns am Ende herumgeschlagen haben, hinter uns gelassen zu haben.“

Die Bar ist momentan geschlossen und der Wirt – so hören wir – hat wieder eine Konzession beantragt – unter neuer Firmierung.

Manch alteingesessener Friedrichshainer mag sich an das Jahr 2003 erinnert fühlen. Damals wurde das Auto einer Anwohnerin in Brand gesteckt, die zu den „Aufgeweckten“ gehörte. Auch sie hat den Kiez aus Angst verlassen. Die „Aufgeweckten“ waren eine Einwohnervertretung, die sich von 1999 bis 2004 für den Schutz der Anwohner einsetzte. Es kann vermutet werden, dass in beiden Fällen Gastronomiebetreiber Auftraggeber waren. In beiden Fällen wurden die Ermittlungen ergebnislos eingestellt.

Wir empfinden den Verlauf und vor allem den Ausgang der Geschehnisse als Ungeheuerlichkeit.