Offener Brief an Papaya-Besitzer Näckel


Simon-Dach-Kiez: Noch ein Synonym für Ballermann-Sauf-Tourismus, bald (wieder) ein Kiez für Berliner?
Der Simon-Dach-Kiez ist zum ‚Ballermann Berlins‘ verkommen

In der B.Z. vom 23. Mai war zu lesen, dass ein Wirt in der Krossener Straße seine Tische um 3 Zentimeter kürzen musste, damit Passanten den ohnehin sehr engen Gehweg besser passieren können. Michael Näckel, betroffener Restaurantbesitzer und gleichzeitig Bezirksbeauftragter des Gaststättenverbands DEHOGA, klagte der Zeitung sein Leid – zu Unrecht wie wir finden, denn nur weil eine falsche Situation jahrelang geduldet wurde, besteht kein Rechtsanspruch darauf, dass es stetig weiter so gehandhabt wird. Aus diesem Grund schrieb ihm unsere Sprecherin folgenden Offenen Brief:

Guten Tag Herr Näckel,

in der Presse ist z.Zt. zu lesen, dass Sie sich über das Vorgehen des Ordnungsamtes in Friedrichshain empören.
Abgesehen davon, dass 3 cm mehr oder weniger Tischlänge Ihren Betrieb sicher nicht in den Ruin treiben wird und Sie sich mit Ihrem Restaurant nun mal in einem Wohngebiet angesiedelt haben, möchte ich Ihnen ins Bewusstsein rufen, dass die Ämter bei Interessensabwägung seit Jahren zu Gunsten der Wirte sämtliche Augen zugedrückt haben.
Daraus möchten Sie nun ein Gewohnheitsrecht ableiten?! Ich meine, Sie sollten zufrieden sein, bislang den Rahm auf Kosten der Anwohner abgeschöpft zu haben. Als Verbandsvertreter könnten Sie bei Ihren Mitgliedern darauf hinwirken, bestehende Schließzeiten für Biergärten einzuhalten.

Vielleicht ist Ihnen entfallen, dass sich bereits Anfang 2000 „Die Aufgeweckten“, der ausufernden Inbesitznahme des öffentlichen Straßenlandes und dem nächtlichen Lärm entgegen gestellt haben. Einige Runde Tische und Gerichtsurteile später einigte man sich in den Clearing-Verfahren. Die 2003 getroffenen Absprachen wurden und werden von den wenigsten Kneipiers eingehalten.
Die Behörden haben trotz massiver Einwohnerbeschwerden nicht verhindert, dass sich im Laufe der vergangenen 13 Jahre immer mehr Kneipen, Bars und Restaurants angesiedelt haben. Diese gastronomische Monostruktur dient schon längst nicht mehr der Nahversorgung der Bewohner im Wohngebiet.

Das Viertel, dass heute Simon-Dach-Kiez heißt, ist zum ‚Ballermann Berlins‘ verkommen und führt zu nicht mehr tolerierbaren Anwohnerbelastungen: Lärm, Verwahrlosung, Müll, gestiegene Kriminalität und offener Drogenhandel. In Fachkreisen wurde dafür, analog zu Gentrifizierung, der Begriff „Touristifizierung“ geprägt. Ja, mit Pantomime zur „Sensibilisierung der Gäste für die Bedürfnisse der Nachbarschaft“ hat DEHOGA, visit Berlin und Clubcommission für Schadensbegrenzung sorgen wollen – sorgte wohl aber mehr für Belustigung und Spott…

Die Argumentationskeule „Arbeitsplätze“ wird von Unternehmern gerne ausgepackt. Nur – wie viele der 16 Mitarbeiter haben einen Vollzeitarbeitsvertrag, wie viele bekommen mehr als 8,50 € Mindestlohn, wie viele Ausbildungsplätze bietet der Betrieb? Ist es nicht viel mehr so, dass die meisten Mitarbeiter studentische Aushilfskräfte, Minijobber und Geringverdiener sind, ohne Anspruch auf Lohnfortzahlung im Urlaub oder Krankheitsfall? Angewiesen auf Trinkgelder und staatliche Unterstützung, spätestens im Rentenalter.

Es liegt im Ermessen der Behörden die Mindestdurchgangsbreite von 1,50 m auf Bürgersteigen dem tatsächlichen Bedarf anzupassen. In Berlins Bezirk mit der höchsten Besiedlungsdichte, die durch Nachverdichtung weiter steigt und den Jahr für Jahr steigenden Besucherzahlen, ist eine Passantenzählung dazu längst überfällig.

In Wohngebieten auf Fußgängerwegen zwei Kinderwagen aneinander vorbei schieben zu können ist normal und keine exotische Forderung. Den meisten Wirten sind leider klimpernde Kassen durch Partytouristen schon seit langem wichtiger als der Bezug zur Nachbarschaft. Kaum ein Betrieb erfüllt noch die Funktion der Kiezkneipe, in der sich Nachbarn beim Feierabendbier treffen.
Weinen Sie den alten Zeiten ein paar Tränen hinterher, stellen Sie sich dem Wandel der Zeit und dem Gegenwind einer sich neu organisierenden Nachbarschaft.

Mit freundliche Grüßen,

Karola Vogel
Sprecherin „Die Anrainer“